Die Gewissensentscheidung

Das cortisolhaltige Medikament, welches Lily nun seit bald einem Jahr als Depotspritze bekommt, lindert die Entzündung der Galle/des Gallengangs. Es wird aber nicht abheilen, denn die Entzündung ist chronisch und flammt wieder auf sobald das Depot leer ist.

Die letzte Spritze hat ja ewig gehalten, von März bis August, um so schlimmer war es dann für mich, dass es vorletztes Wochenende wieder bergab ging, wo ich mich doch so an den ‚Normalzustand‘ gewöhnt hatte. Also aktive Katze, die viel rumspringt -auch ein bisschen draussen – und von mir bekuschelt werden will.
Sofern man es als normal ansehen kann, dass ich täglich die Katze im Auge behalte um zu gucken, ob sich ein abweichendes Verhalten zeigt, was auf Depot-Leere schliessen lässt.
Es ist nicht mal so, dass ich es erst sehe, wenn sie den ganzen Tag nur noch an der gleichen Stelle rumliegt, sondern es ist mehr so dieses ‚zumachen‘, das in-sich-gekehrt-Sein.

Die Frage ist, wie lange jetzt das neue Depot hält. 4-6 Wochen ist eigentlich ’normal‘.
Beim vorletzten Scheren im März ist das Fell merkwürdig-lustig nachgewachsen, wohl als Nebenwirkung des Cortisols. An einer 5-Kronen-grossen Stelle auf der echten Schulter ist es gar nicht nachgewachsen, sondern 3mm kurz geblieben.
An dieser Stelle geht jetzt das Fell aus und es entsteht ein kreisrunder Hautfleck. Die Haut ist aber gesund, kein Pilz oder Flechte oder so. Einfach nur nackte glatte rosa Katzenhaut. Nebenwirkung.

Seit einigen Tage denke ich darüber nach, dass dies die letzte Spritze sein soll.
Die Allmacht über Leben und Tod zu haben ist nicht lustig.
Meiner Katze Sterbehilfe zu geben, bzw. zu beschliessen sie zu töten….gar nicht einfach.
Leider kann ich sie ja nicht fragen, ob sie das will oder nicht.
Ich ziehe jetzt keinen Vergleich zur Sterbehilfe von Menschen, das würde mich definitiv überfordern.

Wenn ich überlege wie ich selber sterben möchte, dann möglichst nicht erst in letzter Sekunde, schon totkrank und unter Schmerzen. Ich würde lieber sterben nachdem ich es noch nett hatte und im Besitz meiner selbst bin. Solange ich wählen kann.

Eine Katze kann nicht wählen. Diese Wahl muss ich treffen.
Wann ist der ideale Zeitpunkt, um jemanden – und sei es ’nur‘ ein Tier – loszulassen?
Vielleicht ist er jetzt? Gibt es den überhaupt?
Lily hatte noch einen schönen schmerzfreien Sommer, hat mit mir draussen in der Sonne gesessen, wurde nassgeregnet, hat einfach viel Schönes erlebt.

Die nächsten Wochen werden Wochen des Abschieds werden. Mit einer extra Portion Liebe und Kuscheln. Auch wenn mir jetzt schon das Wasser in den Augen steht.

Gestern hab ich Ralf darauf angesprochen, wir sind uns einig, dass ein geplantes Ende besser ist als eines, was wieder mit Schmerzen für Lily verbunden ist.

Mit der Tierärztin habe ich vorhin lange geredet. Ich hatte ihr meine Gedanken mitgeteilt und sie hat mir ganz neutral die gesundheitliche Lage Lilys noch mal erläutert. Dass sie in der Praxis eh schon überrascht sind, dass Lily solange ohne Nebenwirkungen ausgekommen ist, und dass der Haarausfall eine ist, bzw. nach und nach mehr solcher haarlosen Flecken entstehen werden.
Sie findet uns verantwortungsbewusst, weil wir uns darüber Gedanken machen, hat mir erklärt wie das Einschläfern vor sich geht (schmerzlos für Lily, eine Spritze lässt sie erst bewusstlos werden, dann hört das Herz auf zu schlagen). Und mit mir abgeklärt, was hinterher passieren soll (sie kümmern sich drum, Tierverwertung, ich will kein Grab oder sie mitnehmen oder sowas).
Wir werden die Tage schon alles abklären, also das Finanzielle erledigen. Wenn es dann soweit ist, dass es Lily nicht mehr so gut geht, dann brauchen wir uns darum nicht mehr kümmern, sondern können einfach kommen und gehen.

Verdammt. Manchmal hasse ich es, erwachsen und verantwortungsbewusst zu sein. Aber ich kann nicht einsehen, dass Lily leiden soll, nur weil ich sie nicht gehen lassen kann.
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Kommentare:

Geschrieben von schneemaennchen Do, September 03, 2009 20:41

ich kann dich gut verstehen, wir haben unsere katze wegen leberproblemen im jahr 2007 einschläfern lassen.
die probleme hatte sie schon fast zwei jahre lang und wir hatten es eine gute zeitlang mit spezialfutter im griff.
auch unsere katze ist nach dem umzug nach finnland und dem dann möglichen freigang richtig aufgeblüht und hat noch eineinhalb schöne sommer genießen können.
aber dann war ihre zeit einfach abgelaufen. wir wollten keinen ärztemarathon veranstalten oder sie mit medikamenten halbwegs am leben halten. es war dann eindeutig als es nicht mehr ging.
ich denke du kennst deine katze und kannst gut einschätzen, wann es soweit ist. und dann muß man eben tun, was man nicht tun will…
ich wünsche euch noch eine schöne zeit zusammen.
liebe grüße vom schneemaennchen aus finnland

Geschrieben von the-sun Fr, September 04, 2009 10:33

Danke Schneemännchen für die Worte. Ich weiss das sehr zu schätzen.

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