Nachtrag Heiligabend 2008, 22:12 h

Heiligabend 2008, 22:12 h

Ich gehe jetzt ganz stumpf ins Bett, weil total platt. Nach der Anreise zu meinen Eltern einfach zu wenig Zeit zum Erholen genutzt, was unter anderem dem ebay-Versand geschuldet ist. Ich war an drei möglichen Tagen vier Mal zu verschiedenen Postläden. Und habe versucht, soviel wie möglich bereits VOR Weihnachten zu erledigen, um danach dann Ruhe zu haben.
Führerschein und Pass ist abgeholt, Mini abgemeldet. Der Drogerieartikel-Einkauf abgehakt, der Stoffeinkauf erledigt. Im Baumarkt war ich schon und habe es sogar geschafft, wirklich nur an das OSMO-Regal zu gehen und Klarwachs und Leinöl zu kaufen. Sowie ein Rollmesser.
Bleibt nur noch der Gefrierguteinkauf und Lebensmittel bei Metro. Sehr fein.

Oma ist ja wieder aus dem Krankenhaus raus, obwohl die Lungenentzündung noch nicht ganz abgeheilt ist. Nach Hause konnte sie dann leider noch nicht wieder, denn sie lebt ja alleine – wenn auch im Erdgeschoss meiner Eltern, welche aber beide mehr als 100% arbeiten – und kann derzeit so gut wie gar nicht laufen. Somit blieb vorerst nur Kurzzeitpflege in einer Seniorenwohnanlage, ca. 15-20 Fußminuten von uns weg.
Die Gebäude sind supermodern und bestehen aus mehreren Wohngebäuden mit eigenständigen Wohnungen, sowie einem Haupthaus mit Cafeteria und verschiedenen Wohnebenen mit Zimmern und großem Gemeinschaftsbereich.
Heute waren mein Paps und ich nachmittags auf der Weihnachtsfeier der Wohnebene meiner Oma. Ziemlich anstrengend fand ich es, ich bin ja eh keine Kaffeetrinkerin und Kuchenesserin.
Nett war es natürlich auch, meiner Oma hat es denk ich mal ganz gut gefallen, auch wenn es sie ebenfalls ziemlich angestrengt hat. Ist sicher komisch, das erste Mal seit Jahrzehnten NICHT am Heiligabend in der eigenen Wohnung zu sein. Und dazu noch im Rolli zu sitzen und sehr geschwächt zu sein.

Die teilnehmenden Bewohnenden waren sehr unterschiedlich. Vorwiegend Frauen, die meisten im Rolli weil schlecht zu Fuß. Verschiedene Geisteszustände, manche die einen oder mehrere schlaganfälle hatten. Angehörige in verschiedenen Geisteszuständen, manchen war die dünne Haut schon anzusehen, manche waren ganz sie selbst.
Ich war die einzige Enkelin, sonst waren nur Kinder der alten Leute dort, die meisten davon auch schon im sehr fortgeschrittenen Alter.
Die eigene Sterblichkeit wird einem verdammt bewusst.

Ich befinde mich in einem merkwürdig philosophischen Zustand, in dem ich mich frage, ob man wirklich jedes Leben unbedingt retten muss. Wer eigentlich wem das Recht gibt darüber zu bestimmen, wer gerettet werden soll. Ob jemand über 90 nicht ein langes und mehr oder minder erfülltes Leben hatte und irgendwann auch einfach mal gut ist.
Wer definiert ob jemand an Altersschwäche stirbt und ist nicht eine Lungenentzündung bei jemandem über 90 auch eine Altersschwäche und nicht eine Krankheit. Sterben nicht die meisten alten Menschen in unserem Land an einer Krankheit, die der Körper und das Immunsystem eben nicht mehr bewältigen können.
Muss man eine über 80jährige, die eh schon in ihrem Leben mehr Operationen hatte als ein einzelner Mensch tragen kann, noch mit einer weiteren schwierigen Operation ein Hörgerät in den Kopf implantieren, mit unsicheren Erfolg, es ist nur noch ein versuch? Anstelle ihr das Leben ohne Gehör (plötzlich von jetzt auf gleich verschwunden) zu weit wie möglich zu erleichtern mit den auf dem Markt erhältlichen technischen Mitteln. Muss man so jemanden dazu überreden, das Risiko einzugehen, obwohl sie selbst dem erst sehr ablehnend gegenüber steht.

Wer beschließt, wem man die Entscheidungen für das eigene Leben abnehmen muss, weil wer dazu nicht mehr in der Lage ist. Und ab wann ist man dazu eigentlich nicht mehr in der Lage? Und wem soll man das Recht dafür zugestehen?
Und wie geht man mit jemandem um, der gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist und noch nicht sicher ist, ob das jetzt gut oder schlecht war.

Nicht gerade lustige Gedanken zu Weihnachten und all diese Gedanken begleiten mich so durch die Tage.
Meiner Oma jedenfalls werden einige Veränderungen ins Haus stehen. Zuerst muss die Lungenentzündung komplett abheilen, solange darf sie nicht raus und solange sie nicht wieder ordentlich laufen kann (meine Oma ist klein und dick und hat ganz doll kaputte Knie), ist eine Rückkehr in die eigene Wohnung ausgeschlossen. Extrem Rolli-ungeeignet, außerdem hat sie nicht genug Kraft, um einen Rollstuhl selber zu bewegen.

Najo, meine Familie und ich hatte trotzdem einen netten Abend mit unseren Traditionen, Aal und Schwarzbrot für Mama und mich, frisches Gyros-Geschnetzeltes und Krautsalat für Paps und das Bruderherz – derzeit eher Bruderwanst. :-))
Danach haben wir uns wie immer die letzten Jahre nichts geschenkt. 😀 Abgesehen davon, dass es von mir Fressalien und Süßes nachträglich zum Nikolaus gab, von den Eltern für mich ein selbst ausgesuchtes Buch und für den Bruder ein von mir ausgesuchtes Duschgel, sowie vom Bruderherzen für die Eltern Karten für ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘ im Figurentheater. 🙂 Dann Spiele und ich habe wie meist verloren. Und bin owieso platt und werde jetzt schlafen, außerdem blinkt der Akku schon rot. Gute Nacht also.

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