Utøya und Oslo

Mein Gefühl, in einem kleinen beschaulichen Land fern vom Rest der Welt zu leben, ist vorgestern zersplittert. Seitdem bewege ich mich leicht gelähmt durch meinen Alltag und beschäftige mich irgendwie, gedanklich bei den Jugendlichen und ihren Familien.

Dabei surfe ich von nrk.no zum Aftenposten und den Fevennen zurück zum NRK, halte mich dabei an die gedruckten Worten, denn die bewegten Bilder dazu ertrage ich einfach nicht ohne Heulen.

Auf dem Kandidatentreffen der Vennesla AP im Juni lernte ich die Tochter meines Ortsgruppenleiters kennen, 18-jährige Landesleiterin der Jugendorganisation der Arbeiterpartei für Vest-Agder, sehr engagiert.
Auch sie eine Teilnehmerin im politischen Ferienlager, auch sie eine derjenigen, die sich schwimmend von der Insel gerettet haben, auch sie eine derjenigen, die gesehen haben wie andere Jugendliche erschossen wurden.

Derweil sich mein Hirn im Kreis dreht und versucht zu begreifen, wie man so völlig emotionslos in vertrauenserweckender Polizistenuniform in einem Ferienlager umhergehen und diese jungen Menschen auslöschen kann. Nicht irgendwelche, sondern solche die sich sozial, gesellschaftlich und politisch engagieren und die die kommende Führungsgeneration gewesen sein könnten.

Der Tag gestern auf der Arbeit war sehr anstrengend, glücklicherweise war es die ersten Stunden sehr ruhig und wir konnten viel miteinander reden. Außerdem – für mich überraschend – rief unser Geschäftsführer für Norwegen an, um sich zu erkundigen wie es uns geht und ob jemand von uns Verwandte auf der Insel  hätte. Er sagte, jemand von den Osloer Kollegen wäre unter den Vermissten und er wäre unterwegs zur Osloer Zweigstelle.

Bisher war ich eigentlich immer recht gut darin, Ereignisse dieser Art nicht an mich ranzulassen und zu ignorieren. Wie z.B. auch den Bombenanschlag in Oslo (Auch wenn ich mich gerne darüber lustig mache, dass Freitags nach 15 Uhr kein Norweger freiwillig mehr arbeitet, schon gar nicht im Sommer, in diesem Fall hatte das auch seine Vorteile. Ich mag mir nicht vorstellen, wie viele Menschen sich an einem Mittwochmittag im Oktober in den Büros aufgehalten hätten).
Aber das Massaker auf der Insel …dafür gibt es keine Worte.

Ich habe die Tendenz zu sehr mitzuleiden und mich für das Übel der Welt/ schlimme Taten anderer verantwortlich zu fühlen, bzw. mich vom Elend überwältigen zu lassen. Das ist auch der Grund, warum ich möglichst keine Nachrichten ansehe oder höre. Ich habe so schon das Gefühl, dass ich nicht genug tue, damit es anderen Menschen besser geht, da brauche ich nicht noch den Hunger in Somalia und die Armut in Rumänien dazu.